Mein Freund Tavor

Neues Thema eröffnen   

Vorheriges Thema anzeigen Nächstes Thema anzeigen Nach unten

Mein Freund Tavor

Beitrag von Mützchen am Fr Aug 30, 2013 6:39 pm

Abschiedsbrief an meinen Freund Tavor

                                               Von Mützchen
                                               November 2009                    

Hallo, mein Freund Tavor. Heute schreibe ich dir diesen Abschiedsbrief. Ein Abschied, der mir nicht leicht fällt. Und doch soll es ein Abschied für immer werden.
 
Im Jahr 2002 ging ich auf Grund eines schweren Burn Out und einer daraus resultierenden psychischen Erkrankung in eine vermeidbare Insolvenz. Alles, was ich mir bis dahin aufgebaut hatte, war über Nacht ohne Wert. Von heute auf morgen verlor ich alles, was mir wichtig, lieb und teuer war.
Ja, ich fiel in ein tiefes, schwarzes Loch. Ich fiel und fiel und fand mich im Juni 2002 in der Psychiatrischen Klinik der Schweriner HELIOS Kliniken wieder.
Ich war verzweifelt und fühlte mich unendlich einsam und von angeblichen Freunden allein gelassen.
 
Und in meiner größten Verzweiflung lernte ich dich kennen, meinen guten Freund Tavor. Du warst morgens, mittags, abends und zur Nacht bei mir. Du wurdest mein Helfer, mein Gast, und bald mein einziger, wunderbarer Freund.
Du nahmst mir die Angst vor der Einsamkeit, nahmst mir die unerträgliche Unruhe, hast mir erträgliche Sicherheit und kurzzeitig innerlichen Frieden gegeben. Immer, wenn ich dich brauchte, bist du dagewesen, bist zu einer unaufdringlichen Hilfe geworden und hast mir immer wieder ein wohliges Gefühl vermittelt. Mit deiner Hilfe hörte ich auf zu weinen, die Depression war weniger spürbar und ich fühlte mich ausgeglichener.
So bist du langsam, sehr langsam, aber unaufhaltsam mein bester Freund geworden.
 
Von Mai 2002 bis August 2009 war ich regelmäßig 4-5-mal pro Jahr in der Psychiatrischen Klinik, oft auf der geschlossenen Station. Ich litt unter äußerst schweren Depressionen und sah oft keinen Ausweg für mein Leben.
Suizidgedanken beschäftigten mich immer und immer wieder. Du, Tavor,  bist da gewesen, wenn ich für mich keinen Ausweg mehr gesehen habe.
Du warst gern, und immer zur Stelle, und hast mich beschützt, wenn der Suizid Realität zu werden drohte.
Unsere Freundschaft wurde dadurch so eng, dass ich ohne dich nicht mehr auskommen wollte und nicht mehr auskommen konnte.
Du hast mir das Leben leichter gemacht. Die Tage waren mit deiner Hilfe angenehmer und meine ständigen Angstzustände und die schwere Depression wurden erträglicher. Ich wollte und musste dich ständig in greifbarer Nähe haben.
 
So begann ich, einen Vorrat von Tavor anzulegen. Ich ging zu allen Ärzten, die ich kannte, und habe mir Tavor in der Höchstdosis verschreiben lassen. 
Als ich Medizinröhrchen mit mehreren hundert Tabletten Tavor in meiner Wohnung hatte, verspürte ich erstmals ein gutes Gefühl von Sicherheit. So wurdest du nicht nur mein bester Freund. Du hast auch ganz unauffällig und leise immer mehr mein Leben, meinen Tagesablauf bestimmt.
 
Da ich täglich Tavor einnahm, reduzierte sich die Anzahl der Tabletten regelmäßig. Ging die Anzahl der Tabletten um einiges zurück, wurde ich extrem unruhig, geriet in Panik und musste sofort einen Arzt aufsuchen, der mir ein Rezept mit Tavor ausstellte. Danach suchte ich schnellstmöglich eine Apotheke auf, um dich zu erhalten. Stellte ich dich dann in meine geheime Schublade zu den anderen Tavor, wurde ich wieder ruhiger und es ging mir ein wenig besser.
Um mich zu belohnen, nahm ich dann eine Tavor außer der Reihe, und fühlte mich dir sehr verbunden.
 
Nun ja, mein lieber, langjähriger Freund.
Innerhalb der letzten 10 Jahre wurden wir nicht nur gute Freunde. Ich spürte nicht, wie ich mich langsam, aber immer stärker und intensiver, und nach einem gewissen Zeitpunkt  auch vollständig, mich  an dich ausgeliefert hatte. Du hast immer mehr mein Leben bestimmt, mein Handeln, mein Fühlen, und meinen Alltag beeinflusst. Ich wollte und konnte ohne dich nicht mehr sein. Die regelmäßige und immer mehr unkontrollierte Einnahme von Tavor machten mich gegenüber meinen Mitmenschen und der Welt da draußen einsam.
Ich lernte keine neuen Bekanntschaften, geschweige Freunde kennen. Denn du warst mein treuester, mein einziger Freund. Du hast nicht zugelassen, Menschen zu finden, die mir etwas bedeuteten. Ich erkannte nicht, dass die innige Freundschaft zu dir, meine sozialen Kontakte einschränkte, ja, mit der Zeit vollständig unmöglich machte. Und du hast mich vergessen lassen, was es heißt, zu lieben. Zwei Partnerschaften sind in dieser Zeit durch unsere Freundschaft zerbrochen.
 
Über die Jahre hatte ich mich dir langsam, aber stetig und konsequent ausgeliefert. Dies alles habe ich nicht erkannt, und so war es für dich ein leichtes, mich vollständig zu vereinnahmen und zu kontrollieren.
 
Im Jahr 2009 hattest du mich endlich vollständig im Griff. Das war keine Freundschaft mehr, das war Selbstzerstörung mit Hilfe von Tavor. Ich war in keinster Weise mehr selbstbestimmt, sondern von dir im wahrsten Sinne des Wortes fremd- und ferngesteuert. Ich wollte einfach nicht mehr leben.
 
Ich hatte bis August 2009 einfach nicht erkannt, nicht mehr erkennen können, wie gefährlich diese Freundschaft mit meinem Freund Tavor, geworden war. Meinem ambulanten Psychotherapeuten konntest du jedoch nichts vormachen. Er erkannte die drohende, zerstörerische Gefahr meines Freundes Tavor, in die ich mich über Jahre immer stärker begeben hatte. Und er tat das einzig richtige, er wies mich mit der Zustimmung meiner Krankenkasse, in eine Fachklinik für Depression, Burnout und Suchtkrankheiten ein.
Ja, ich war durch die langjährige Einnahme von Tavor schwer medikamentenabhängig geworden. Eine Tatsache, die ich verdrängte und einfach nicht wahr haben wollte.
 
Zu diesem Zeitpunkt war unsere Freundschaft noch stark und ungetrübt. Schien alle Hindernisse und Warnungen von außen zu überstehen.
Nur Stück für Stück und unter unerträglichen Entzugsschmerzen, lernte ich mit Hilfe der Therapeuten und Ärzte der Fachklinik, das Suchtpotenzial  von Tavor, und dessen Gefahren zu erkennen, denen ich mich über viele Jahre ausgesetzt hatte.
 
Die alles überdauernde und überstehende Freundschaft mit dir, mein Freund Tavor, begann in der Klinik für Suchtkrankheiten zu bröckeln. Körperliche und seelische Entzugsschmerzen zeigten mir nun täglich dein wahres Gesicht. Tag für Tag und Nacht für Nacht kämpfte ich mich mit Hilfe der Ärzte, der Therapeuten und dem hochmotivierten Pflegepersonal zurück ins Leben.
Ich musste die tiefe Freundschaft zu dir lösen, um dich aus meinem Leben verbannen zu können.
Es war ein langer und schmerzvoller Prozess, zu verstehen: Du, mein Freund Tavor, hast mir nie wirklich gut getan. Und du hast mich viele Jahre lang, mit meinem Einverständnis, ein selbstzerstörerisches Leben führen lassen.
          
Ich weiß, du pochst auf unsere langjährige, intensive und innige Freundschaft. Aber diese angebliche, einzigartige Freundschaft, die in der Wirklichkeit eine ausweglose Hassliebe war, hat keinen Bestand, hat keine Zukunft, und gilt nicht mehr.
Ich will neue Freunde finden, die es ehrlich mit mir meinen.
 
Endlich werde ich wieder ein selbstbestimmtes Leben führen.
 
Mein guter und langjähriger Freund Tavor.
Hier und jetzt trennen sich endgültig, und für immer unsere Wege. Du warst lange Jahre mein treuer, einziger und bester Freund, und Begleiter.
Doch nun werde ich meinen Weg alleine gehen, ohne Tavor, ohne meine Medikamentenabhängigkeit, die mein Leben über Jahre bestimmt hat.
Es soll ein Leben sein, frei von Angst, und frei von meinem ehemaligen Freund Tavor.
 
Nachtrag August 2013
 
Noch heute habe ich des Öfteren Sehnsucht nach dir, mein ehemaliger Freund Tavor.
Sehnsucht nach der alten, verlorenen Freundschaft. Den größten Teil der Tabletten habe ich in die Apotheke gebracht. Nur ein Röhrchen habe ich behalten. So habe ich meine Vergangenheit mit dir, immer vor Augen.
Ich weiß, ein gefährliches Spiel.
 
Es ist, wie es ist.
Es leben zwei Seelen in meiner Brust. Meine Sehnsucht nach dir, meinem ehemaligen Freund Tavor, und das Wissen, um deine unheilvolle Vereinnahmung.
Beide Seiten kämpfen immer wieder miteinander, bis heute.
 
Bisher hat meine Vernunft gesiegt. Das Wissen, um meine Abhängigkeitserkrankung.
 
Bisher…
 
Dein ehemaliger Freund
                                                          
                                                                      Mützchen
 
avatar
Mützchen
Gast


Nach oben Nach unten

Vorheriges Thema anzeigen Nächstes Thema anzeigen Nach oben

- Ähnliche Themen

Neues Thema eröffnen   
 
Befugnisse in diesem Forum
Sie können in diesem Forum nicht antworten